Terror und seine Wirksamkeit

Meinung

Terror und seine Wirksamkeit

Die Anschläge der jüngsten Vergangenheit – in Paris, in Beirut und über dem Sinai – haben uns erschüttert und auch aufgeschreckt. Wir haben sie so verstanden, wie sie von den Tätern gemeint sind: als Anschlag auf unsere Freiheiten, auf unsere Lebensart, auf unser Denken und unser Handeln – all das, was den fundamentalistischen Terroristen als Inkarnation von Dekadenz erscheint.

17. November 2015
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Die Anschläge haben uns einmal mehr die Verwundbarkeit unserer offenen auf gegenseitiger Toleranz beruhenden Gesellschaft vor Augen geführt. Eines können wir uns aber sicher sein: Wir stehen auf dem festen Fundament der Freiheit. Dass alle Bürger der freien Welt sich zu diesem Fundament bekennen und bereit sind, diese Freiheit zu verteidigen, wird uns in diesen Tagen einmal mehr bewusst. Und diese Entwicklung ist ein Grund, angesichts dieser Trauer über barbarische Morde auch optimistisch in die Zukunft zu blicken. Wir treten gemeinsam dem Terror entschlossen entgegen. Wir lassen unser Denken und Handeln nicht von Terroristen vergiften.

Wenn Terroristen versuchen, das Fundament unseres Zusammenlebens zu zerstören, so müssen und werden wir diesem Handeln in aller Entschlossenheit gegenübertreten.

Denn Freiheit bedeutet für uns, dass wir ohne Zwang selbst entscheiden können und wollen: Über uns, unser Handeln, unsere Meinung, unseren Glauben, unser Leben. Wir glauben an Fortschritt und Selbstverwirklichung. Diese Zwanglosigkeit ist aber zugleich Verpflichtung, und zwar die Verpflichtung, gemeinsame Regeln anzuerkennen, die unsere Freiheit und Sicherheit gewährleisten: Wir haben uns dazu verpflichtet, niemandem körperlich zu schaden, niemanden zu verletzen oder zu töten, seiner Freiheit zu berauben und sein Eigentum zu achten. Nur wenn alle Bürger der freien Welt dieser Verpflichtung zustimmen und sich ihr entsprechend verhalten, funktioniert unsere Gemeinschaft. Und genau dies ist uns gelungen: Wir alle erkennen die Regeln an, die uns erlauben, in Freiheit zu leben. Diese Freiheit macht unser Zusammenleben aus und diese Freiheit ist nicht verhandelbar. Wir werden unsere Grund- und Bürgerrechte schützen. Aber Freiheit ohne Offenheit und Dynamik ist keine Freiheit. Deshalb sollten wir - gerade auch im Gefühl der Verwundbarkeit – jetzt sehr besonnen vorgehen: Wir sollten nicht in einen Machbarkeitswahn staatlicher Überwachung verfallen und behaupten, jedes Risiko terroristischer Bedrohung ausschließen zu können. Vor allem dann nicht, wenn sie von einem jegliche Werte verneinenden Feind wie dem IS ausgeht, dem es um eine radikale Vernichtung des westlichen Zivilisationsmodells geht.

Deutschland verfügt über gut ausgebildete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei den Polizeien, den Kriminalämtern und auch bei den Geheimdiensten. Sie haben Kompetenzen für Prävention und zur Verfolgung von Rechtsbrechern. Sie sind präsent und wachsam. Die Bundesregierung trägt die Verantwortung dafür, dass es genug Personal und technische Ausstattung für ihre Arbeit gibt.

Aber wir werden uns von niemandem zu etwas zwingen lassen. Im Gegenteil: Jetzt erst recht werden wir unsere Freiheit für uns nutzen: Wir werden unsere Meinung sagen, wir werden dorthin gehen, wo es uns gefällt, wir werden Freude und Spaß haben. Und wir werden uns gerade jetzt auch wieder an die Regeln erinnern, die wir alle freiwillig befolgen. Denn die Anerkennung dieser Regeln ist es, die uns von den Terroristen trennt. Wir sind bereit, im Namen der Freiheit Regeln anzuerkennen. Diese einfache Grundlage von Gesellschaften können und wollen die Terroristen nicht anerkennen. Sie lehnen Fortschritt und Selbstverwirklichung ab. Und das stellt sie außerhalb und schweißt uns zugleich als europäische Freiheitsgesellschaft stärker zusammen. Und damit erreichen die Terroristen genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen. Denn zerstören können sie unsere Idee der Freiheit mit ihren Anschlägen nicht.