Der Terrorangriff der Hamas auf Israel vor einem Jahr war keine verdeckte Geheimdienstoperation. Es ging darum, in kurzer Zeit so viele Jüdinnen und Juden zu ermorden und Geiseln zu verschleppen wie möglich. Die Terroristen gingen koordiniert, gezielt und absichtsvoll grausam vor.
Die Berichte, Fotos und Videos vom 7. Oktober zeugen von einer Monstrosität, die das Verständnis eines jeden empathiefähigen Menschen überfordert. Rund 1.200 Menschen fielen der bestialischen Gewalt zum Opfer, Hunderte wurden verschleppt, Tausende verletzt und traumatisiert.
In Deutschland löste das Massaker eine Welle der Sympathie mit Israel aus. Demokratische Politiker aller Parteien betonten, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsräson sei. Am Brandenburger Tor kamen Zehntausende zu einer Solidaritätskundgebung zusammen.
Teile der deutschen Gesellschaft haben jedoch radikal-antisemitische Positionen verinnerlicht. Eine Dunkelfeldstudie aus Nordrhein-Westfalen zeigt: Bis zu einem Viertel der Bevölkerung weist gefestigte antisemitische Einstellungen auf. Fast 40 Prozent setzen die israelische Politik mit der des Nationalsozialismus gleich.
Auf Basis einer vermeintlich antiimperialistischen Logik werden islamistische und antisemitische Narrative übernommen, laut denen die Hamas und Hisbollah einen legitimen Freiheitskampf führen. Dass diese Terrororganisationen vom iranischen Regime instrumentalisiert werden, überfordert das manichäische Weltbild linker Antisemiten.
Diese Flucht in den Antisemitismus ist ein intellektuelles Armutszeugnis. Es ist erschreckend, dass in Teilen bildungsnaher Milieus ein derartiger Mangel an Differenzierungsfähigkeit vorherrscht.
In einer aufgeklärten Gesellschaft muss es möglich sein, Ambiguitäten auszuhalten: die israelische Regierung für ihr Vorgehen in Gaza zu kritisieren und gleichzeitig das Existenzrecht Israels uneingeschränkt zu unterstützen.
Der Kampf gegen Judenhass – egal ob er von Rechtsextremisten, linken Antiimperialisten oder palästinensischen Befreiungsideologen ausgeht – ist nicht nur unsere historische Verpflichtung, sondern auch moralisch unabdingbar. Antisemitismus ist in keiner Form mit den Werten unserer demokratischen Gesellschaft vereinbar.
Der Gastbeitrag erschien am 06.10.2024 online auf handelsblatt.com.