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Bücherlesung im Gedenken an den 10. Mai 1933

10. Mai 2010

Diesen Text wollte Frau Leutheusser-Schnarrenberger am 10. Mai in Münchem öffentlich vorlesen, im Gedenken an die Bücherverbrennungen im Dritten Reich. Auf Grund von aktuellen politischen Ereignissen, ist ihr dies leider nicht möglich.

Aber Sie können den Text hier nachlesen:

Oskar Maria Graf: Es ist Zeit: Gedanken zum 10. Mai 1933 (Auszüge)

"Als am 10. Mai 1933 das Hitler-Regime in ganz Deutschland die öffentliche Verbrennung und die, sozusagen, gesetzliche Ausrottung der gesamten freiheitlichen Literatur durchführte, fand man das in allen anderen Ländern eher lächerlich als schrecklich.

Selbst im faschistischen Italien Mussolinis schüttelte man damals über diese Besessenheit der Nazis ironisch den Kopf.

Dort wurden bekanntlich noch lange Zeit die im Dritten Reich verfemten Bücher und wissenschaftlichen Werke in der Ursprache und in Übersetzungen verbreitet. Sie lagen – zum nicht geringen Ärger der dort reisenden Nazis – in den Auslagefenstern jeder besseren Buchhandlung und fanden ihre Käufer.

Sogar die in den Emigrationsländern gegründeten, antihitlerischen deutschen Verlage konnten ihre Publikationen noch jahrelang nach Italien liefern – sofern sie nicht Werke italienischer Antifaschisten verlegten.
Mussolini behandelte seine Gegner unter den Schriftstellern nicht recht viel schonender als Hitler.
Er betrieb die Verfemung nur weit unauffälliger, gleichsam, als fürchte er sich vor der Lächerlichkeit.
Inzwischen ist das ja, wie man weiß, gründlich anders geworden.

Ich glaube jedenfalls, dass im Mai 1933 kein Mensch auf der ganzen Welt daran gedacht hat, was für Wirkungen der Hitlerische Ausrottungsfeldzug gegen den freien Geist haben würde. In diesem Zusammenhang sind die gelassen ironischen Worte, die Sigmund Freud zugeschrieben werden, besonders kennzeichnend. Als einer seiner Freunde zu ihm kam und seiner Empörung über die Bücherverbrennung Ausdruck gab, soll der große Gelehrte gesagt haben: „Was für ein Fortschritt … nur unsere Bücher? Früherszeiten hätten sie uns auch gleich mitverbrannt.“

Die Konsequenz, mit welcher die Nazis ihre „Aktionen“ durchführen, war zu damaliger Zeit noch den meisten nicht recht ins Bewusstsein gerückt. Am allerwenigsten konnten sich die vertriebenen deutschen Schriftsteller eine Vorstellung davon machen. Zunächst waren sie in einem verhältnismäßig sicheren Exil, hatten ihr Leben und konnten weiterarbeiten. Zunächst gab es um das Dritte Reich herum und in der ganzen übrigen Welt noch Millionen literatur-interessierter Deutscher, die seit langem treue Leser der Werke der nunmehr Exilierten waren. Der nazistische Propaganda-Apparat hatte diese, zum größten Teil politisch uninteressierten Menschen noch nicht erreicht und verseucht. Erfreulicherweise entwickelte auch die literarisch-politische Emigration in jenen Jahren eine bewundernswerte Aktivität. Zeitungen, Zeitschriften und Verlage für die freie, antinazistische Literatur wurden gegründet; die Reste der politischen Parteien und Gewerkschaften fanden sich wieder zusammen und versuchten, den neuen Verhältnissen entsprechend zu arbeiten; die Geistigen sammelten sich und es entstanden schnell wieder Gruppierungen, die zu manchen Hoffnungen Anlass gaben: Der Schutzverband der deutschen Schriftsteller in Paris, der dann auch in Prag Fuß fasste, ein von der damaligen Volksfront begünstigter Weltverband der revolutionären  Schriftsteller zur Verteidigung der Kultur und eine Unmenge kleinerer und größerer Organisationen mit ähnlichem Inhalt und Ziel.

Eine Deutsche Freiheitsbibliothek wurde in Paris ins Leben gerufen, die vor allem den Zweck hatte, die verfemte Literatur zu sammeln und zu erhalten. Und nicht zu vergessen, ist der große Unionskongress der Sowjetschriftsteller im Jahre 1934 in Moskau zu dem die unabhängigen Autoren aus allen Ländern eingeladen wurden. Denn damals war die Hitler-Maschine noch keineswegs so ausgebaut und verstärkt, dass sie zum Beispiel die Regierungen der kleineren Länder einschüchtern konnte. Diese Regierungen brachten den Exilierten noch viel Wohlwollen entgegen und förderten – wenn auch meist inoffiziell – die Bemühungen der antihitlerischen Geistigen. Sie konnten noch.

Es handelte sich also gleichsam darum, den Nazis wieder Einflussgebiete zu entreißen; es handelte sich auch darum, in den noch freien Ländern gegen das Vordringen dieses Nazieinflusses Dämme aufzurichten, die vielleicht wirksamer gewesen wären, als Maginotlinien, und endlich handelte es ich auch darum, das was die Weimarer Republik völlig übersehen und vernachlässigt hatte, durchzuführen: Das Auslandsdeutschtum in allen Ländern für die freie Literatur und Wissenschaft zu gewinnen.

Jetzt ist ganz Europa, soweit es geistiges Gewicht hat und entrinnen konnte, in Amerika, und langsam siecht das ehemals so stolze, große Schrifttum aller freiheitlichen Länder, ganz besonders aber das deutsche, dahin.
Die großen, schon gemachten und die noch werdenden Schriftsteller befassen sich ernstlich damit, ob sie nicht ins englische Feld übersiedeln sollten.

Aber wer wird ein Sealsfield und wer ein Josef Conrad? Und wem stünde - wenn er nichts mehr als den Grundstock seiner Sprache und unzerstörbare Heimat in sich hat – der Sinn danach, etwas anderes zu werden als das, was er ist: ein freier deutscher Schriftsteller? Denn die Frage ist immer diese: Wie viel Kraft hat einer, um sich und dem treu zu bleiben, das fordernd auf ihn wartet – das Volk der Heimat.
Es ist heute der 10. Mai, und 1933 flammten die Scheiterhaufen im Dritten Reich auf, um unsere Werke aus dem Bewusstsein dieses Volkes für immer auszulöschen.

Wäre es nicht Zeit, darüber nachzudenken, wie wir das verhindern könnten. Denn auch dieses ist ein Teil vom Sieg!"

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